21.05.2019 :: Fahrzeuge   >  Kaufberatung

Allgemeines für den Rollertyp Heinkel-Tourist 101-A0 (Kicki)

Autor und Bilder: Dr. Hilmar Walde (1996), Lektorat anh (2012)

 

Dieser Roller wurde von ca. September 1953 bis ca. Mai 1954 in ca. 6500 Exemplaren gebaut. Heute sind fahrgestellmäßig im Club noch ca. 100 Fahrzeuge erfaßt, es handelt sich somit um eine der seltensten Fahrzeugtypen des Heinkelwerkes. Die kurze Bauphase des 101 A0 ist durch viele kleine Veränderungen gekennzeichnet, man merkt deutlich daß die Fa. Heinkel damals in der Serie optimieren mußte und die ersten Käufer sicher Testfahrer waren.

Ebenfalls verbürgt ist, daß die ersten ca. 200 - 250 Fahrzeuge aufgrund fehlender Karosseriepressen und Werkzeugen eine handgedengelte Karosse bekamen. Diese Karossen unterscheiden sich geringfügig in Linienführung und Finish von den späteren Serienkaros­sen. Die eigentliche Serie scheint erst im Januar 1954 angelaufen zu sein.

Die Fahrgestellnummern dieser Fahrzeuge beginnen bei 111101 und enden derzeit bei 117510. Die Motornummern beginnen bei 400001, die letzte bekannte lautet 406474.

Die Fertigung des Nachfolgemodelles 102 A1 wurde ab Fahrgestellnummer 120001 bzw. Motornummer 410001 gezählt, so daß die dazwischen liegenden Nummern nicht vergeben wurden.

 

Technik

Die Technik der ersten Baureihe unterscheidet sich bei einer oberflächlichen Betrachtungs­weise nicht von den späteren Modellreihen, im Detail ist aber fast alles unterschiedlich. Als gravierende Unterschiede, die es nur beim 101 A0 gab, sind zu nennen :

  • Hubraum 150 ccm mit eigener Kurbelwelle und kürzerem Zylinder
  • Eigenes Motorgehäuse und eigener Schwingarm
  • Pallas oder Bing Vergaser mit Durchmesser 18 mm und Ölbadluftfilter
  • 6 Volt Noris Lichtmaschine mit Regler,daher kpl. eigene 6 Volt Elektrik
  • Kickstartermechanismus mit spezieller Kupplungsglocke
  • Runder Auspufftopf (ebenfalls beim 102 A1 bis Fahrgestellnr.: 127137)
  • Feder und Dämpfer des Hinterrades in getrennter Bauform
  • Rahmen mit Hilfsauslegern für Trittbrett und Motor
  • Blechtrittbrett mit speziellem Knieblech
  • Kofferkasten mit tiefen Fach, 6 Volt Batterie rechts hinten am Rahmenheck
  • Luftklappe am Kofferkasten mit horizontalen Schlitzen
  • Spezielles Sitzbankschloß
  • Frontblech mit angeschweißter Scheinwerfernase
  • Bremspedal als Sporn mit Gummiaufsatz
  • Rohrständer
  • Rücklicht mit orangener Bremslichtwarze
  • Zeituhr mit Stellwerk unten (ebenfalls beim 102 A1 bis Fahrgestellnr.:121141)
  • Klappbarer Gepäckträger, nicht verchromt (ebenfalls noch kurze Zeit beim 102 A1)

Diese Baugruppen sind, da später nie wieder verwendet, heute entsprechend selten und sollten daher möglichst vollständig und intakt sein, wenn ein Fahrzeug original restauriert werden soll. Es gibt noch viele andere Detailunterschiede, die hier aber nicht einzeln ge­nannt werden können. Oftmals wurden schon von den ersten Besitzern bei Reparaturen Veränderungen vorgenommen, bei Frontschäden wurde zum Beispiel häufig die Fronthaube des Nachfolgemodells mit demontierbarer Scheinwerfernase angebaut. 

Die Kolbenbeschaffung für den Motor ist problemlos, da die 60 mm Kolben (Grundmaß) der 175 ccm Modelle als 2. Übermaß (Grundmaß 150 ccm : 59 mm) genutzt werden können. Ebenso können sämtliche Einzelteile des Zylinderkopfes von den Nachfolge­modellen benutzt werden.

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Luftfilter und 6V Batterie
Kickstarter
Getrennte Feder und Dämpfer des Hinterrades
Blechtrittblech und Fußbremsdorn
Vergaserklappe mit waagrechetn Schiltzen
Fronthaube mit angeschweißtem Scheinwerfer
Rohrständer
Rücklicht mit orangener Bremslichtwarze
Gepäckträger offen
Getpäckträger geschlossen
Fronthaube ohne Sicken
 

Änderungen in der Serie / Schwachstellen

Aus heutiger Sicht und aus der Kenntnis der späteren Rollertypen ist zu sagen, daß die Konstruktion dieses Typs bei weitem nicht ausgereift war. Viele gravierende Mängel wie zum Beispiel die ersten Bing - Vergaser ohne Beschleunigerpumpe (die dann vom Werk im Rahmen einer kostenlosen Ausstauschaktion gegen Pallas-Vergaser mit Pumpe gewechselt wurden), ein konstruktiver Fehler an der Schaltgabel im Getriebe, zu schwache und zu wenige Schalt­klauen an den Getrieberädern, der zu schwache Hauptständer, die ungenügende Dämpfung des Hinterrades wurden erst in der Serie oder beim Nachfolgemodell behoben.

Ganz zu schweigen von dem zu schwach dimensionierten Bremssporn der Fußbremse, der bei nahezu allen Fahrzeugen,die ich kenne, abgebrochen ist.....!

 

Folgende Änderungen gab es in der Serie (ohne Anspruch auf Vollständig­keit) :

  • Handgearbeitete Karosse der ersten ca. 250 Roller
  • Verwendung von Aluminiumfelgen bei den ersten Fahrzeugen, Stückzahl unbekannt
  • Verwendung von Veigel Armaturen bei den ersten ca. 1200 Rollern, danach VDO
  • Seitliche Trittbrettleisten ohne obere Zierrillen, ca. die ersten 1000 Roller
  • Einbau einer Schiebeklappe bei der Zündkerzenöffnung, ca. die ersten 3000 Roller
  • Verwendung von Fronthauben mit und ohne Sicken hinter den Stoßstangenenden

Schwachstellen die beim Kauf eines Rollers in jedem Fall gecheckt werden sollten sind folgende :

  • Ausgeschlagene Verzahnung der hinteren Bremstrommel
  • Ausgeschlagene Gummi-Messingbuchse der Vorderradführung

Diese Baugruppen wurden zwar beim Nachfolgemodell noch verwendet, sind aber inzwischen aufgrund der konstruktiven Schwäche rar geworden.

Eine besondere Geschichte sind die Felgen : Die Aluminiumfelgen der ersten Fahrzeuge können zwar sehr einfach poliert werden, darin erschöpfen sich aber die Vorteile. Aus Festigkeitsgründen ist nur abzuraten. Selbst die Stahlfelgen  ( Lambretta und Fuldamobil hatten z.T. die gleichen, nur unverchromt) verbiegen und reißen ein unter der Belastung. Daher sind die nierenförmigen Bleche unter den 3 Befestigungsschrauben der Brems­trommeln, die Heinkel nachträglich eingeführt hat, aus Sicherheitsgründen unbedingt erforderlich.

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Sonderzubehör / Farben

Von Werkseite gab man sich hier recht spartanisch. Reserverad und Gepäckträger waren serienmäßig. Lediglich eine Zeituhr konnte separat bestellt werden, anstelle des ansonsten an dieser Stelle wohnenden, dekorativen Blinddeckels mit dem Heinkel-Logo. Desweiteren gab es eine Gespannuntersetzung, zum Einsatz kam ein Royal RSG-Seitenwagen. Die Be­festigungen dieses Seitenwagens  waren bei diesem Modell teilweise abenteuerlich.

Auf der Farbseite sah es ebenfalls noch recht bescheiden aus. Ganze vier Farben (neptungrün, pastellgrün, pampasgrau, schwarz) standen zur Verfügung. Kombiniert wer­den konnten diese mit Kedern in rot, grün und schwarz, und mit gleichfarbigen Sitzbank­bezügen. Über die Möglichkeit von Zweifarbenlackierungen ist aus der Literatur nichts be­kannt.

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Umbauten auf 175 ccm

Nach dem Erscheinen der Nachfolgetypen mit 175 ccm erwachte auch bei manch einem  Besitzer der ersten Baureihe der Wunsch nach mehr Leistung. Das Werk bot dazu einen Umbau an mit Kurbelwelle ( spezielle Kurbelwelle wegen Noris - Lima !) und Kolben mit Zylinder vom 102 A1. Dazu wurde das Gehäuse zur Aufnahme des größeren Zylinders aus­gespindelt und vor die Motornummer wurde ein  “U“   vermutlich für Umbau eingeschla­gen. Viele können es aber nicht gewesen sein, mir sind noch zwei existierende Motoren bekannt.

Mit 175 ccm wird der Roller aufgrund seines niedrigen Gewichts (121 kg) und seiner kurzen  Gesamtübersetzung (8 Zoll Räder) sehr spurtfreudig und kann im hügeligen Land­straßenbereich nahezu ausschließlich im 3. Gang gefahren werden.

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Fahrverhalten

Das Fahrverhalten des 101 A0 ist kein ausgemachtes Vergnügen. Durch die fehlende vor­dere Dämpfung und die schwache hintere Dämpfung in Verbindung mit dem kurzen Radstand neigt der Roller zu Nickschwingungen und besitzt eine sehr eigenartige Straßenlage.  Der 150 ccm Motor will fleißig gedreht werden (Kurzhuber !), speziell bei einer Fahrt mit Sozius wird der Anschluß vom 2. zum 3. Gang sehr weit. Das Orginalgetriebe kann nur als Katastrophe bezeichnet werden und sollte mög­lichst gegen eines vom 102 A1 mit modifizierter Schaltgabel und verstärkten Klauen ausgetauscht werden.

Das Anlassen im heißen Zustand mit Kickstarter ist aufgrund der schlechten Kickstar­terübersetzung nahezu aussichtslos, hier hilft oft nur Anschieben.

Zum Feeling ist zu sagen, aufgrund der Motorbefestigung am Rahmen und des schwing­freudigen Blechtrittbrettes gibt es ab 60 km/h serienmäßig jede Menge“Good vibrations“ !

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Preise / Ersatzteilsituation

Vor ca. 25 Jahren bekam man 101 A0 - Teile nahezu geschenkt, da sie für die “normalen“ Roller nicht verwendbar waren. Viele Motoren wurden nach der Demontage des Zylinder­kopfes in die Ecke gestellt oder verschrottet. Kommentar eines Clubmitgliedes auf einem Treffen Anfang der achtziger Jahre : Heinkel-Roller gab es nur mit E-Starter ! Basta !.

Aufgrund des sehr engen Marktes und der in den letzten Jahren stark gestiegenen Nachfrage hat sich dies aber drastisch geändert. Eine allgemeingültige Preisfindung ist aber daher auch sehr schwierig. Grundsätzlich gilt folgendes als grobe Richtschnur:

Zustand 1-2 : Restaurierte Fahrzeuge in gutem bis sehr gutem originalen Zustand :

ca. : 4000.- bis 6500.- € (Stand 2012)

Zustand 4-5 : Unrestaurierte Fahrzeuge mehr oder weniger komplett :

ca. : 1500.- bis 2500.- € (Stand 2012)

Der Rest (schlecht restauriert oder gut erhalten) liegt irgendwo dazwischen.

Einfache Verschleißteile wie Bremsen, Kontakte und Zündkerzen sind kein Problem. 

Auch Baugruppen, die mit dem wesentlich häufiger gebauten Nachfolgemodell identisch sind (z.B. Gabelteile, Bremstrommel vorne, Felgen, Zylinderkopf), können über die clubeigene GmbH  beschafft werden. Speziell bei den unter Pkt. 2 genannten 101 A0 spezifischen Details sollte auf Vollständigkeit und Funk­tion geachtet werden, da diese kaum erhältlich sind. Ein Originalrücklicht schlägt auf einem Veteranenmarkt schon mit  ca. 300.- € zu Buche, eine Noris-Lichtmaschine ist kaum auffindbar.

Zum Abschluß ist zu sagen, daß der Roller zwar nur wenige Chromteile besitzt (3 Felgen mit Verbindungsschrauben und Stützblechen, Lenker, Griffgehäuse, Verriegelungs­schraube des vorderen Gepäckträgers, die beiden Halter für den Beifahrergriff an der Sitzbank, Armaturenringe und Lichtschalterge­häuse), diese aber zusammen je nach Rostbefall der Felgen zwischen einige hundert Euro verschlingen können.

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