Tacho defekt

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GerhardM
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Tacho defekt

Beitrag von GerhardM »

Bei der gestrigen Ausfahrt ist die Tachonadel des 103A1 plötlzlich auf 0 zurückgefallen und auch der Kilometerzähler blieb bei der weiteren Fahrt auf der Stelle.
Ich habe schon verschiedene Beiträge im Forum gelesen und mir auch die Schemazeichnung von Bernd aus Bayreuth angesehen, konnte aber keine Antwort auf meine Fragen finden.
Nachdem die Tachowelle in Ordnung ist, ist vermutlich "etwas" im Tacho gebrochen.
Bevor ich den Tacho nun (vielleicht unnötig) auseinander nehme, kann mir vielleicht mit einem Rat geholfen werden.
Hier die Fragen:
Was ist da kaputt gegangen?
Ist eine Eigenreparatur möglich und woher bekommt man ggf. das evt. erforderliche Ersatzteil? Beim Club wird ja nur der komplette Tausch angeboten.
Wenn das nicht möglich sein sollte:
Gibt es für die Reparatur eine Alternative zu dem doch recht teuren Tauschteil für 150 EUR.
Danke und Gruß
Gerhard
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BerndSt
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Re: Tacho defekt

Beitrag von BerndSt »

Hallo Gerhard,

als erstes schlage ich vor, Du prüfst den Tachoantrieb unten an der Vorderradnabe. Dazu baust Du am besten den Tacho aus, bockst den Roller so auf, dass das Vorderrad frei ist und drehst am Vorderrad. Dreht sich jetzt die Welle oben am Tachoanschluss? Falls ja, ist hier wirklich alles in Ordnung. Falls nein besteht eine gute Chance, dass der Mitnehmer an der Vorderradnabe defekt ist (er kann z.B. aus der Führung springen, wenn die Montage nicht korrekt oder der Mitnehmer sehr abgenutzt ist).

Falls die Antwort auf die Frage aber "ja" ist, wird es schon etwas schwieriger. Im Tacho kann meiner Meinung nach eigentlich nur wenig derart brechen, dass gleichzeitig weder Tachonadel noch Kilometerzähler arbeiten. Es könnte die Feder an der Tachonadel sein - aber das ist es wohl nicht, weil dann wenigstens der Kilometerzähler funktionieren müsste. Es könnte sich im Tacho der Blechbügel, der die gesamte Mechanik auf der Glocke hält gelöst haben:
Tacho Detail
Tacho Detail
Aber auch das ist nicht sehr wahrscheinlich. Die Verbindungen dieses Bügels sind zwar nur verpresst, aber so ohne weiteres lösen sich die nicht. Und wenn, dann wird vermutlich (erst einmal) nur eine der vier Verbindungen locker - der Tacho funktioniert dann aber noch (bei meinem Tacho ist z.B. eine dieser Verbindungen "grenzwertig", der Funktion tut das aber noch keinen Abbruch).

Was sein kann ist, dass durch Korrosion der sich drehende Teil in der Glocke so verschmutzt und "unrund" ist, dass er durch den durch die Tachowelle angetriebenen Magneten nicht mehr mitgenommen wird. Auf dem Bild von meinem zerlegten Tacho, den ich letztes Jahr überarbeitet habe, kannst Du sehen, dass es hier zu Rost kommen kann, der dann in der Glocke schleift:
Tacho Detail 2
Tacho Detail 2
Wenn das der Grund ist, dann solltest Du das aber schon vor dem Ausfall bemerkt haben. Ich habe meinen Tacho deshalb zerlegt, weil er bei bestimmten Geschwindigkeiten "flatterte" und alles mögliche zwischen 30 und 80 km/h anzeigte. Nach der Überarbeitung läuft er jetzt wieder ganz ruhig und "sauber".

Schließlich könnte noch die Welle des Magneten gebrochen sein.
Welle des Magnetantriebs
Welle des Magnetantriebs
Aber auch das halte ich für eher unwahrscheinlich (die Welle ist vergleichsweise "kräftig").

Eine letzte Möglichkeit: das obere, viereckige Ende der Tachowelle greift in das untere Ende der Welle des Magnetantriebs. Dieser "Sitz" kann ausgedreht sein, so dass die sich drehende Tachowelle den Magneten nicht mehr antreibt. Das kannst Du prüfen, indem Du versuchst, ein passendes Stück (z.B. einen konisch zugeschliffenen Nagel) in den Tachowellenanschluss am (ausgebauten) Tacho zu stecken. Diesen "Nagel" dann mit einem Akkuschrauber antreiben und den Tacho beobachten - rührt er sich, wenn Du etwas Druck auf den "Nagel" ausübst? Dann spricht einiges für einen ausgedrehten Tachowellensitz in der Welle des Magneten. Aber bei dieser Prüfung extrem vorsichtig sein - dabei kann man versehentlich etwas kaputt machen (zumal, wenn der viereckige Sitz für die Tachowelle bereits Macken hat)! Also diese Prüfung bitte "auf eigene Gefahr", OK? Und falls es das sein sollte, rate ich auf jeden Fall dazu, den Tacho zu öffnen, zu zerlegen, gründlich zu reinigen und die beweglichen Teile frisch zu schmieren - der Sitz geht nicht "von selbst" kaputt, sondern höchstens dann, wenn die beweglichen Teile im Tacho durch Verschmutzung bereits sehr schwergängig sind.

Generell ist die Überholung des Heinkel-Tachos übrigens keine Raketenwissenschaft. Ein bisserl feinmechanisches Gespür sollte man haben (für reine Grobmotoriker ist das eher nichts) - aber es ist machbar. Und wenn Du die Beiträge hier im Forum zum Thema Tacho schon gelesen hast, dann weißt Du auch, dass das schwierigste daran die Entfernung und das Wieder-Aufbördeln des Chromrings ist. Wenn man hier aber mit Feingefühl und Geduld vorgeht, ist es durchaus möglich, den Ring zerstörungsfrei zu entfernen und nach der Tachoreparatur wiederzuverwenden.

Wenn Du überhaupt keine andere Möglichkeit findest, kann ich gerne versuchen, Deinen Tacho für Dich zu überholen. Allerdings ohne Erfolgsgarantie (und damit besser nur als "ultima ratio"). Ich bin kein Uhrmacher und ich habe das auch erst einmal gemacht - aber wenigstens war ich bei meinem Tacho erfolgreich. :D

Aber vielleicht es es ja tatsächlich nur der Mitnehmer an der Nabe - ich wünsche es Dir jedenfalls.

Viele Grüße,
Bernd
SNAFU!
GerhardM
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Re: Tacho defekt

Beitrag von GerhardM »

Hallo Bernd,
vielen Dank schon mal für die ausführlichen Hinweise. Ich werde über den Fortgang der Fehlersuche berichten.
Gruß
Gerhard
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heinkel-bernd
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Re: Tacho defekt

Beitrag von heinkel-bernd »

Servus Gerhard,

da hat Dir BerndSt ja schon ausführliche Tipps gegeben ! :D

Der Vollständigkeit halber noch zwei Fotos, um die Wirkungsweise des Tachos noch etwas
besser zu verstehen ! :wink:
Tacho-Mechanik 1.JPG
Tacho-Mechanik 2.JPG
Ich glaube allerdings nicht, daß es am Tachometer selbst liegt .
Ich tippe eher auf Tachowelle oder Tachoantrieb !

Prüfung der Tachowelle: Den Vierkant der Spirale am oberen Ende mit den Fingern festhalten und das
Rad vorwärts drehen. Die Spirale darf sich nicht festhalten lassen , LOGISCH !

Am Tachoantrieb können die Beiden "Nasen" des Mitnehmerringes (sitzt auf der Radnabe) abgeschert sein.
Prüfung: Die Tachowelle vom Antrieb abziehen, einen 3 mm dicken Nagel an der Spitze viekantig klopfen
oder feilen, in den Tachoantrieb stecken und das Rad vorwärts drehen !
Wenn sich der Nagel dabei festhalten lässt stimmt etwas mit dem Tachoantrieb oder dem
Mitnehmerring nicht ! :(

Möglich ist auch, daß eine Fixierung, die die Tachospirale gegen Verrutschen sichert
(am unteren oder oberen Ende der Tachspirale) verschlissen ist, die Spirale dadurch weiter in den Tachoantrieb
eindringt und dadurch oben am Tacho zu kurz wird ! :?

Viel Erfolg bei der Fehlersuche und
Viele heinkelige Grüße
BERND aus Bayreuth
GerhardM
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Re: Tacho defekt

Beitrag von GerhardM »

Vielen Dank an beide Bernd's für die wertvollen Tipps und die excellenten Bilder.
Ich bin wie empfohlen systematisch vorgegangen und habe zuerst geprüft, ob sich die Tachowelle beim Drehen der Vorderrades am oberen Ende dreht.
Schon hier bin ich fündig geworden. Die Spirale hat sich nicht gedreht.
Der nächste Schritt wird also die Prüfung sein, ob die Nasen am Mitnehmerring abgeschert sind.Vorsorglich werde ich mir aber schon mal einen neuen Mitnehmerring bestellen.
Parallel dazu will ich aber auch den Tacho etwas warten. Er hatte vorher im Betrieb deutliche Schwankungen (Flattern) der Tachonadel. Vielleicht gelingt es mir auch, das durch Beseitigung von Rostansätzen und Schmierung zu verbessern.
Über das Ergebnis werde ich wieder berichten, kann aber ein paar Tage dauern.
Gruß
Gerhard
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BerndSt
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Re: Tacho defekt

Beitrag von BerndSt »

Hallo Gerhard,

freut mich, dass Dir die Hinweise weitergeholfen haben. Mit dem Mitnehmer hast Du " Glück" gehabt - diese Reparatur ist vergleichsweise einfach. Und sie ist sehr schnell zu machen. Deshalb würde ich an Deiner Stelle mit der Bestellung des Ersatzteils auch bis nach der eindeutigen Diagnose warten. Einfach das Vorderrad ausbauen (das sind ja nur zwei Schrauben) und schon liegt der Mitnehmer offen vor Dir. In fünf Minuten weißt Du, was Sache ist und dann kannst Du gezielt bestellen, was Du brauchst.

Das Flattern des Tachos bekommst Du mit einer vorsichtigen Tachoüberholung ganz bestimmt in den Griff. Ein kleiner Tipp dazu noch: wenn Du die Innereien des Tachos einmal aus dem Gehäuse genommen hast, solltest Du bei dieser Gelegenheit das Tachogehäuse selbst innen weiß lackieren. Das verbessert (ein ganz klein wenig) die Ausleuchtung des Tachos bei Nachtfahrten. Diesen Tipp hatte ich vor meiner Tachüberholung von heinkel-bernd bekommen, und er hat sich bewährt.

Viele Grüße,
Bernd

P.S.: Du weißt ja, was Friedrich Torberg seine "Tante Jolesch" sagen lässt, oder? "Gott der Gerechte möcht' einen behüten vor allem, was noch ein Glück ist!" :mrgreen:
SNAFU!
GerhardM
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Re: Tacho defekt

Beitrag von GerhardM »

Als erstes habe ich den Tacho zerlegt. Die Garagenarbeit mache ich, wenn es wieder etwas wärmer ist.
Das Zerlegen des Tachos hat soweit gut geklappt.
An einer Stelle bin ich dann aber doch hängen geblieben. Die Welle des Magnetantriebs habe ich nicht herausbekommen. Auf einem Bild von BerndSt ist zu sehen, dass sie "draußen" ist. Wie bekomme ich sie von dem Getriebeteil los, das sie im Gehäuse festhält, so dass man sie nicht nach oben raus ziehen kann?

Die Säuberung habe ich ansonsten soweit erledigt. Nun will ich die kleinen Getriebeteile mit dem richtigen Material schmieren. Da wurde im Forum schon geschrieben, wobei mir spezielles Uhrmacherfett nicht zur Verfügung steht. Ich kann mich erinnern, dass die Verwendung von Fett für Wasserhähne, weil nicht harzend, möglich wäre. Ist auch anderes Getriebefett möglich? Vielleicht kann mir da jemand auch auf die Sprünge helfen.
Danke und Gruß
Gerhard
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BerndSt
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Re: Tacho defekt

Beitrag von BerndSt »

Hallo Gerhard,

die Welle des Magnetantriebs ist mit einer Scheibe (mit Aussparung) gesichert:
Sicherungsscheibe
Sicherungsscheibe
Die musst Du "herauspfriemeln" - das ging bei mir aber eigentlich ganz leicht. Ich glaube (bin mir aber nicht ganz sicher), dass vorher auch noch die Antriebswelle für den Kilometerzähler heraus muss:
Welle des Kilometerzähler-Antriebs
Welle des Kilometerzähler-Antriebs
Achtung, da ist auch noch die im Bild zu sehende Kugel im Spiel. Leider weiß ich nicht mehr auswendig, ob die einfach so mit im Gehäuse liegt, oder ob die irgendwie gesichert/eingepresst ist. Eine Feder scheint hier aber nicht im Spiel zu sein (sonst wäre die auf meinem Foto drauf :wink: ).

Wie immer bei der Frage nach Schmiermitteln gilt: zwei Heinkelschrauber, drei Meinungen. :lol: Nicht harzend ist schon mal sehr gut (Du willst den Tacho nach Möglichkeit ja nicht noch eimal aufmachen müssen, nur weil das Fett verharzt ist). Ansonsten dürften an das zu verwendende Schmiermittel kaum große Anforderungen zu stellen sein. Falls in Deiner Nähe ein Uhrmacher arbeitet (also einer, der wirklich noch an Uhren schraubt und nicht nur Uhren über den Ladentisch schiebt), kannst Du dort ja mal fragen. Nach meiner Erfahrung freuen sich echte Handwerker durchaus darüber, wenn ein interessierter Laie sie höflich um Rat fragt. Fragen kostet nichts (und wenn Du Glück hast, bekommst Du dort auch einen Klecks geeigneten Fetts geschenkt oder für "einen Euro Fuffzich" überlassen). Steck also zur Sicherheit ein kleines Plastiktütchen mit ein, wenn Du zum Uhrmachermeister gehst. :)

Übrigens würde ich persönlich zwei Dinge nicht machen: 1. grafithaltiges Fett verwenden (ich mag das nicht bei Aluteilen - aber das kann auch ein unberechtigtes Vorurteil sein) und 2. normales Maschinenfett an die Kunststoffteile des Kilometerzählers bringen (da weiß man nie, welche Zusätze im Fett auf lange Sicht den Kunststoff angreifen können) - hierfür habe ich die Silikonschmiere aus der Uhrenwerkstatt verwendet.

Viele Grüße und viel Spaß mit einem nicht-mehr-flatternden Tacho,
Bernd
SNAFU!
GerhardM
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Re: Tacho defekt

Beitrag von GerhardM »

Hallo Bernd,
dies Sicherungsscheibe ließ sich leicht herausnehmen. Um die Welle des Magnetantriebs nach oben herauszuziehen hat diese Scheibe aber m.E. keine Sicherungsfunktion, weil da kein "Widerstand" ist.
Jedenfalls hängt die Welle des Magnetantriebs noch am Zahnrad der Welle des Kilometerzähler-Antriebs. Um diese Welle heraus zu bekommen, muss wohl die Sicherungskugel entfernt (heraus gedrückt / geschlagen) werden. Die Kugel ist nach Augenschein in die Öffnung gepresst. Eine andere Sicherung ist nicht zu sehen. Per Fingerdruck auf den Stift der Welle des Kilometerzähler-Antriebs habe ich sie nicht heraus bekommen. Weitere Kraftakte (z.B. Hammerschläge oder Pressen mit dem Schraubstock) wollte ich lieber nicht ausüben, um da nichts zu verderben. Ich denke mal,da lass ich sie lieber drin und bringe etwas Schmiermittel von oben, also unterhalb der Scheibe vom Magnetantrieb ein.
Ich hoffe, es funktioniert.
Danke und Gruß
Gerhard
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BerndSt
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Re: Tacho defekt

Beitrag von BerndSt »

Hallo Gerhard,

jetzt wo Du es schreibst, glaube ich mich zu erinnern, dass die Kugel eingepresst ist. Bei meinem Tacho ließ sie sich jedenfalls relativ leicht entfernen. Du kannst ja versuchen, das Gehäuse um die Kugel etwas zu erwärmen. Alu dehnt sich unter Wärme deutlich besser aus, als die Stahlkugel (so wechselt man ja auch Kugellager) - es ist gut möglich, dass sich die Kugel bereits nach kurzer Erwärmung leicht herausdrücken lässt.

Falls Du die Kugel auch so nicht heraus bekommst, würde ich die Welle vor dem Einbringen neuen Schmiermittels gut spülen (um alte, verharzte Fettrückstände zu entfernen). Bremsenreiniger oder Kriechöl (z. B. WD40) sollten dafür gut funktionieren. Die Welle des Kilometerzählerantriebs ist aber bestimmt ebenfalls mit altem Fett verschmutzt - sofern irgendwie möglich würde ich an Deiner Stelle schon versuchen, sie auszubauen.

Viel Erfolg und viele Grüße,
Bernd
SNAFU!
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